AHAes, Zeitschrift des PI-AHS-OÖ, Nr. 6 / Jänner 2003 (mit Genehmigung der Redaktion abgetippt und ins Netz gestellt v. J:G:Fuchsbauer)
Das Geheimnis der Finnen
Was tun die Finnen im Sommer? Da schlagen sie Mücken tot. Und was tun sie im Winter?
Von Thelma von Freymann
Tja - was
kann man tun, wenn es am frühen Nachmittag schon stockfinster ist und so kalt,
dass einem die Nase zwischen Stall und
Stube abfriert? Viel Auswahl gibt’s da nicht, das war jedem Mitteleuropäer klar
(soweit er darauf überhaupt einen Gedenken verschwendete), und was die dortigen
Waldmenschen tun, ebenfalls: Sie greifen zur Flasche.
Seit dem 4. Dezember 2001
hat sich alle Welt an eine gänzlich neue Vorstellung gewöhnen müssen: Die
finnischen Waldmenschen greifen nicht nur zur Flasche, sondern auch zum BUCH.
Sie lesen. Viel. Und zwar seit Generationen. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts
hatten sie niedrigste Analphabetenrate der Welt: 3,48%. Und die Ausleihraten
der öffentlichen Bibliotheken pro Kopf der Bevölkerung sind noch immer die
höchsten der Welt, obwohl es inzwischen auch in Finnland Fernsehen gibt.
Die absolute Spitzenleistung im Lesen erbrachten
die Mädchen vom Lande.
Der finnische PISA-Bericht enthält viele Analysen, die nie in andere
Sprachen übersetzt worden sind. U.a. wollte man wissen, ob die Stadtkinder
besser abgeschnitten hatten als die Hinterwäldler, von denen es in Finnland ja
viele gibt (nur 1,5 Mill. von insgesamt 5,2 Mill. Einwohnern wohnen im
Ballungsgebiet der Südküste). Siehe da: Die absolute Spitzenleistung im Lesen
erbrachten nicht die Städter, sondern die Mädchen vom Lande. Und natürlich
sieht auch gleich jeder, woran das liegt: Was sollen sie denn tun, wenn es
stockfinster ist und so kalt ... siehe oben. In der Stadt gibt es viele
konkurrierende Angebote, auf dem Lande halt nur eines: Bücher.
Aber nicht nur haben die
finnischen Probanden insgesamt sehr gut abgeschnitten. (Die österreichischen
brauchen sich übrigens auch nicht zu verstecken!) Ihre Resultate sind außerdem
in zwei Beziehungen besonders auffällig:
1. Der Anteil der
schwächsten Leistungen ist klein und liegt vergleichsweise hoch auf der Skala.
2. Die Streuung ist sehr
gering und korreliert weder mit geographischen Faktoren (Stadt - Land, Norden -
Süden) noch mit dem Sozialstatus der Eltern.
Das heißt: Es ist den
Finnen in besonders hohem Maße gelungen, gerade die geographisch und/oder
sozial benachteiligten oder aus anderen Gründen schwachen SchülerInnen auf den
ihnen möglichen Standard zu bringen. Die sogenannte Risikogruppe - diejenigen,
die nicht genug lesen und rechnen können, um eine Berufsbildung durchzustehen -
beträgt dort nur 7%. (Zum Vergleich: In Österreich sind das 18%) Da wüsste man
denn doch gern ein wenig genauer, was es mit den finnischen Schulen auf sich
hat.
DAS FINNISCHE SCHULSYSTEM
Das ganze System arbeitet
nach dem Prinzip der Autonomie. Alle Entscheidungen, auch die finanziellen und
curricularen, werden auf der örtlichen Ebene getroffen. Die Gemeinden stellen
Lehrkräfte an und entlassen sie nach bedarf. Der kann sich in ländlichen
Gegenden schnell ändern. Für den Unterricht vorgegeben sind nur
Rahmenrichtlinien, die viel Spielraum lassen. Es gibt keine Schulaufsicht.
Das finnische Schulsystem
beginnt mit der 6-jährigen Grundstufe. Landesweit gibt es etwa 3700 Schulen
dieser Form. Dort unterrichten KlassenlehrerInnen
fast alle Fächer (außer Fremdsprachen). 40% aller finnischen Schulen haben
weniger als fünfzig SchülerInnen, 60% haben nicht mehr als 6 Lehrkräfte. mehr
als 500 SchülerInnen haben nur 3% aller Schulen. Das liegt an der dünnen
Besiedlung des weitläufigen Landes: Kleine Schulen können keine
Jahrgangsklassen führen. je nach Schülerzahl gibt es drei, zwei oder eine
Lerngruppe. Der Schulweg von Landkindern kann über 50 km betragen. Voll
ausgebaute Grundstufen gibt es nur in Städten. Die kleinen Schulen
funktionieren hervorragend, weil ihnen die meisten Konflikte erspart bleiben,
die in großen Schulsystemen Sand ins Getriebe bringen. Die Intimität der
Lernsituation an so vielen Schulen kommt besonders den schwächeren Schülern
zugute, die sich in großen Klassen oft ungeborgen fühlen.
Im Ballungsgebiet Süd gibt
es durchaus Klassen mit mehr als 20 Kindern. Dann aber hat die Lehrkraft
normalerweise eine Schulassistentin im Unterricht dabei und kann sie ggf. mit
einer Gruppe in einen anderen Raum schicken.
Auf die Grundstufe folgt
die dreijährige „Oberstufe“. Landesweit gibt es davon rund 600. Da man den
13-15-Jährigen längere Schulwege zumuten kann - in Ost- und Nordfinnland bis zu
100 km, in Lappland fallweise noch mehr - und ihnen eine breite Fächerpalette
mit Wahlkursen anbieten muss, gibt es die Oberstufe nur an Orten, die als
Zentrum fungieren können. Jahrgangsklassen und Fachlehrer müssen sein, aber die
Lerngruppen sind oft klein, besonders in den Wahlfächern.
Mit der „Oberstufe“ endet
die Schulpflicht. Wer Abitur machen will, geht auf eine lukio.
Davon gibt es rund 400. Sie führen nur Kurse, keine Jahrgangsklassen. Man kann
die lukio in zwei, drei oder vier Jahren durchlaufen,
je nach Anstrengungsbereitschaft und angestrebter Punktzahl. Das Abitur ist
zentral, die örtlichen Lehrkräfte stellen weder die Aufgaben noch benoten sie
die Arbeiten.
Im Folgenden beziehe ich mich
auf die Pflichtschuljahre. Die Arbeit der lukio hat
mit den PISA-Ergebnissen nichts zu tun.
INTRASYSTEMISCHE
DIVERSIFIKATION
Jede finnische Schule ist
gesetzlich dazu verpflichtet, ihr eigenes, den Bedürfnissen ihrer Klientel
entsprechendes Profil zu entwickeln, zu realisieren und auszuweisen. Die
Schulwahl ist frei. Wie die Palette der Angebote aussieht sei am Beispiel der
Stadt Helsinki demonstriert. Da wären zunächst eine reihe von „ausländischen“
Schulen zu nennen, z.B. die Deutsche und die Englische, deren Schüler auch die
Abschlussprüfungen der Trägerländer ablegen können; solche Schulen gibt es
anderswo nicht. Weitere „Sonderschulen“ sind z.B. die Finnisch-Russische
Schule, die Jüdische Schule (mit einem enormen Pensum in Hebräisch) und Waldorf-Schulen
in beiden Landessprachen. Dann gibt es Regelschulen, die in Kooperation mit
Kindergärten Fremdsprachenfrühbeginn anbieten, meistens Englisch. Ab Klasse 3
wird die Palette noch bunter: Englisch, die jeweils andere Landessprache (also
Finnisch oder Schwedisch, je nach dem), Deutsch, Französisch, Russisch. Manche
Schulen bieten nur die Pflichtsprachen an (das sind Englisch und Finnisch bzw.
Schwedisch), andere forcieren, der nachdrücklichen Empfehlung des Zentralamtes
für Unterrichtswesen folgend, die schweren Sprachen; Englisch und Schwedisch
sind sehr viel leichter als Französisch, Deutsch oder gar Russisch. Für ein
sprachbegabtes Kind, das sich ohnedies nicht auf die Pflichtsprachen
beschränken wird, ist es darum sehr sinnvoll, mit einer der schweren zu
beginnen.
Viele Schulen bieten einen
„Zug“ mit Musik als Schwerpunkt an und nehmen in diesen nur Schüler auf, die
eine Gehörprüfung bestehen. Viele Schulen weisen aber acuh
Profile aus, die sich für jedes Kind eignen. Die Schwerpunkte Mathematik und Naturwissenschaften
oder Sport bedingen seltener als Sprachen eine Eignungsprüfung, das hängt aber
vom Anspruchniveau im Einzelnen ab. Natürlich gibt es auch Schulen, deren
Klientel keinerlei Interesse an „Extrawürsten“ mitbringt, sondern froh ist,
wenn sie das Grundpensum zuverlässig vermittelt bekommt. Das zwei Fremdsprachen
Pflicht sind ist, für sie wahrhaftig schon schlimm genug! Die neueste
innerfinnische Evaluierung der Schulen, deren Ergebnisse am 13. Mai 2002
publiziert wurden, zeigt, dass die SchülerInnen mancher Schulen auf den
Durchschnittswert von 85 von 100 erreichbaren Punkten kamen, andere aber nur
auf 40. Die Schülerströme in Ballungsgebieten sortieren sich auf Grund der
curricularen Profilierung und der freien Schulwahl also so, dass sich in
Schulen mit höherem Anspruch die begabteren SchülerInnen sammeln und die
Lernschwächeren eher dort, wo man ihren Bedürfnissen z. B. durch die
Einrichtung von kleinen Förderklassen (ca. acht SchülerInnen) unter der Leitung
von Speziallehrkräften Rechnung trägt. Sonderschulen für Lernbehinderte oder
Verhaltensgestörte gibt es nicht, die Regelschule ist für alle zuständig. Aber
natürlich kann nicht jede einzelne Schule alles bieten. Schulen mit
Lateinlinie, aber ohne Förderklassen, werden eben nicht von Eltern gewählt,
deren Kind ausgeprägte Lernprobleme hat.
Der Anteil von
Einwanderern an der finnischen Bevölkerung liegt knapp unter 2%, und sie wohnen
fast alle im Ballungsgebiet Süd. In den meisten finnischen Schulen gibt es nur
einheimische SchülerInnen, in Helsinki-Ost aber Klassen mit bis zu 30% Kindern
ausländischer Herkunft. Jedes Einwandererkind muss erst einmal in Erfüllung
seiner Schulpflicht, nicht nur eine Landessprache, sondern auch „Alltag in
Finnland“ („Wir gehen in den Supermarkt“, „Wir gehen zum Arzt“ usw.) lernen,
ehe es in eine normale Schulklasse darf.
UNTERRICHT
Finnische Lehrkräfte geben
meist einen traditionellen, „handwerklich soliden“, stark lehrerzentrierten
Unterricht. Originelle „kreative“, „phantasievolle“ Stunden, in denen die SchülerInnen
ihre eigenen Lernwege gehen, habe ich in meinen zahlreichen Hospitationen nicht
gesehen, und ich habe auch von keinem finnischen Jugendlichen gehört, dass
solche in seiner Schule vorkämen. Es mag solchen Unterricht geben, aber ganz
gewiss nicht so häufig, dass daraus der PISA-Erfolg
hervorgegangen wäre. Das erklärt sich wohl eher daraus,
- dass es in kleinen Schulen und kleinen
Lerngruppen wenig Disziplinprobleme und also wenig einschlägigen Zeitverlust
gibt,
- dass praktisch nie Unterricht ausfällt, weil
jede Gemeinde eine Vertretungsreserve hat, die sofort einspringt, wenn eine
Lehrkraft erkrankt,
- dass viele finnische Lehrkräfte z.B. die
Hausaufgaben akribisch nachprüfen und den Lernfortschritt des einzelnen
Schülers stets im Auge behalten (was natürlich nur geht, wenn die Lerngruppen
eben klein sind,
- dass in den Stunden wirklich nur Unterricht
stattfindet, weil andere wichtige Dinge grundsätzlich nicht Sache der Lehrkraft
sind. Für sie sind andere Mitglieder des Kollegiums zuständig (s.u.).
Finnische Lehrerinnen und Lehrer verstehen sich als
Fachleute für Unterricht und nicht als Therapeuten.
Finnische Lehrerinnen und
Lehrer verstehen sich als Fachleute für Unterricht und als solche sehen auch
Eltern und Schulträger sie an. Für Schulsozialarbeit, Beratung aller Art bis
hin zur zeitaufwändigen Seelentröstung, der Jugendliche manches Mal so dringend
bedürfen, sind sie nicht ausgebildet und dafür sind sie auch nicht da,
wenigstens nicht dienstlich.
SCHULPERSONAL
Zum Personal einer jeden
Schule gehören nicht nur Schulleitung,
KlassenlehrerInnen
und Fachlehrkräfte. Die nachstehend
genannten müssen mindestens einen Tag wöchentlich in der Schule präsent sein,
und sei sie noch so klein. In großen Schulen sind sie
es täglich.
1. Eine Schulschwester. Sie ist ihrer
Grundausbildung nach Krankenschwester, hat aber eine Zusatzausbildung für
vorbeugende Gesundheitsarbeit. Sie führt u.a. die Gesundheitsakte eines jeden
Kindes.
2. Eine Kuratorin. Sie hat eine
sozialpädagogische Ausbildung und ist für alle Probleme zuständig, die
„sozialer“ Natur sind. Gibt es z.B. in einer Klasse Konflikte zwischen zwei
Cliquen, schickt die Klassenlehrerin die Betreffenden zur Kuratorin, deren
Kompetenz u.a. gruppentherapeutische Methoden umfasst. Auch bei Schwierigkeiten mit dem Elternhaus ist es
die Kuratorin, nicht die Lehrkraft, die Kontakt aufnimmt.
3. Eine Psychologin. Sie ist für Probleme
zuständig, die nicht „soziale“, sondern „individuelle“ Gründe haben. Oft gehen Kinder
von sich aus zu ihr, nicht auf Grund einer Überweisung durch die
Klassenlehrerin. Ein unter Schweigepflicht stehender verständnisvoller
Erwachsener, mit dem man über seine Probleme einfach reden kann, ist für viele
Kinder und Jugendliche ungeheuer wichtig, besonders in der Pubertät. Die
Klassenlehrerin hat dafür nicht einmal die Zeit, die ein „Klient“ braucht, von
der therapeutischen Kompetenz gar nicht zu reden. Aber selbstverständlich kann
die Schulpsychologin keine Psychotherapie im eigentlich
Sinn des Wortes leisten.
4. Eine Speziallehrerin. Sie hat zuerst die
Ausbildung zur Klassenlehrerin und danach mindestens zwei Jahre Schulpraxis
durchlaufen. Dann hat sie ein Jahr an der Universität mit einem extrem
intensiven, total „verschulten“ Lehrplan verbracht, der von den physiologischen
Grundlagen über diagnostische Kompetenz bis hin zu einer differenzierten
Methodenpalette alles vermittelt, was sie für ihre Aufgabe braucht. Diese
besteht darin, für die Schwachen unter den SchülerInnen zu sorgen. Wenn ein
Kind im Klassenunterricht nicht richtig mitkommt, wird sie erst einmal in die
Klasse gerufen, beobachtet, was da abläuft, und berät die Klassenlehrerin. Ggf.
übernimmt sie dann das Kind für bestimmte Stunden und gibt ihm gezielten
Einzelunterricht oder Kleingruppen unterricht in den Inhalten bzw. Verfahren,
die es nicht bewältigt. Oft hat es nach kurzer Zeit wieder den Anschluss an die
Klasse. das ursprüngliche Organisationsmodell sah für je drei Klassen eine
Speziallehrerin vor. Diese Messzahl wird heute oft nicht erreicht,
hauptsächlich, weil es an Lehrerinnen mit Spezialausbildung mangelt, aber z.T.
auch aus finanziellen Gründen. Dennoch erhalten 16-17% aller finnischen
SchülerInnen im Laufe eines Schuljahres für kürzere oder längere Zeit Hilfe von
einer Speziallehrerin.
5. In Schulen mit größeren
Lerngruppen eine unbestimmte Anzahl von Assistenten,
die keine Ausbildung haben und auf Stundenbasis arbeiten. das können z.B. AbiturientInnen sein, die auf einen Studienplatz warten,
oder Hausfrauen, die ihren Beruf nicht ausüben. Sie arbeiten nicht
eigenverantwortlich und sind kein Ersatz für eine fehlende Speziallehrerin,
dennoch aber eine große Entlastung für die Klassen- oder Fachlehrerin.
6. „Küchenpersonal“. In jeder Schule gibt es Küche und Speisesaal. Die
Kinder bekommen täglich eine volle Mahlzeit (das ist alte Tradition, die sich
aus der Länge der ländlichen Schulwege erklärt).
DAS GEHEIMNIS
Diese Personalbesetzung
der finnischen Schulen ist es, die es den LehrerInnen ermöglicht, sich voll auf
ihre eigentlich Aufgabe zu konzentrieren, den
Unterricht. Darum erweist sich der in seiner soliden Art als effektiv, obwohl
die Methodik gar nicht spektakulär ist. Dies ist es, das „Geheimnis der
Finnen“. Und „geheim“ ist es geblieben, weil sie das alles für dermaßen
selbstverständlich halten, dass sie es ausländischen Besuchern gar nicht
erzählen. Sie sind völlig konsterniert, wenn ich ihnen sage, dass es z.B. in
Deutschland von all dem oben aufgezählten Personal an den meisten Schulen
nichts gibt. gar nichts. Außer Lehrkräften nur Hausmeister und, wenn’s hoch
kommt, eine Schulsekretärin. Die finnischen Kollegen können es nicht fassen.
Die glauben allen Ernstes, dass ihr Erfolg in der Schulform „Gesamtschule“
gründet, und das erzählen sie auch den Besuchern. Dass eine Gesamtschule in Mitteleuropa
aber nicht 50 Schüler hat oder vielleicht - im Ausnahmefall - nur ein paar
hundert, sondern um die 1000 oder auch mehr, und dass in solchen Mammutschulen
die KollegInnen einander nicht einmal alle beim Namen anreden können, von Kooperation
ganz zu schweigen, das stellen sich die finnischen KollegInnen im Traum nicht
vor. Es ist ja pädagogische Barbarei! So greifen also Unkenntnis der einen und Unkenntnis
der anderen präzise ineinander. Und deutsche - vielleicht auch österreichische -
Pädagogen verkünden ehrlich überzeugt, man müsse im dicht besiedelten
Mitteleuropa Gesamtschulen errichten, wie es die Finnen in ihrem menschenleeren
land ja auch machen. und dann würden mitteleuropäische Kinder schon lernen wie
die finnischen! Wieso eigentlich???
FÖRDERUNG VON
LEISTUNGSSCHWACHEN
Der
Kernpunkt des finnischen Erfolges liegt ausweislich der PISA-Werte
bei der Förderung der schwachen SchülerInnen, und ihretwegen vor allem gibt es
die Speziallehrerinnen und Psychologen. Gelingt es nicht, Lernprobleme mit
einer beschränkten Zahl von Stunden bei der Speziallehrerin zu beheben,
schreibt das Gesetz vor, dass die Spezialkonferenz sich des Falles annimmt.
Diese tagt einmal monatlich und besteht aus der Schulleitung, der Klassenlehrerin,
ggf. der Fachlehrerin, allen oben unter 1.-4. genannten Mitgliedern des
Kollegiums sowie dem Schularzt. Zunächst ist zu klären, ob den Lernproblemen
des Kindes gesundheitliche Störungen zugrunde liegen. Wenn ja, ist der
Schularzt zuständig, und die Eltern werden informiert. Ist das Kind nicht in
diesem Sinne krank, sucht die Konferenz weiter nach den Ursachen seiner Lernprobleme
und entwirft einen Plan, wie ihm zu helfen sei. Nach vier Wochen steht der Fall
erneut auf der Tagesordnung. Die Frage heißt: Haben die Maßnahmen „gegriffen“?
Wenn nicht: Wie soll es weitergehen? Eine Möglichkeit ist z.B., dass für dieses
Kind ein eigener Lehrplan erstellt wird. Dann sind nicht alle Lernziele der Klasse auch seine
individuellen Lernziele. Kooperation der Eltern ist dringend erwünscht.
Verweigern sie diese, muss die Schule eben ohne sie auskommen. Auf keinen Fall
darf sie das Kind im Stich lassen, wenn sich die Eltern uneinsichtig zeigen.
Ein
Kind, das nach seinem individuellen Lehrplan unterrichtet wird, bekommt natürlich
auch Zensuren, die nicht zielbezogen sind, sondern fähigkeitsbezogen. Die Frage
heißt: „Was hat es geleistet, an seinen eigenen Voraussetzungen gemessen?“ Die
Folge dieser Praxis ist einerseits, dass auch schwachen SchülerInnen die
Klassengemeinschaft, in die sie einmal eingetreten sind, unter fast allen
Umständen (die Sitzenbleiberquote beträgt 0,6%) erhalten und die Erfahrung des
Versagens erspart bleibt. Andererseits führt sie dazu, dass Zeugnisse für
Außenstehende, vor allem Arbeitgeber, nur einen äußerst geringen Aussagewert
haben. Die oben erwähnte Evaluierung hat außerdem erwiesen, dass man für ein-
und dieselbe Leistung auf einer Notenskala von 5-10 (oberhalb von „nicht ausreichend“
= 4) in einer anspruchsvollen Schule eine 6, in einer mit geringem Anspruch
aber eine 9 bekommt. Nur die Abiturnoten sind unbedingt vergleichbar, denn sie
werden ohne Ansehen der Person gegeben.
FAZIT
Das Erfolgsgeheimnis der
Finnen liegt also im Wesentlichen in vier Faktoren:
- der Kleinheit der Schulen, die ein
vollkommen persönliches Arbeiten erlauben
- ihrer Autonomie, durch die sie den örtlichen
Voraussetzungen Rechnung tragen können
- der Personalbesetzung, die es den Lehrkräften
erlaubt, sich voll dem Unterricht zu widmen
- dem Fördersystem, das gerade die schwachen
SchülerInnen zu ihrem individuellen Leistungsoptimum bringt.
Kleine Schulen sind pro
Schüler wesentlich teurer als große. Erst recht ist eine Personalbesetzung, wie
sie das finnische Schulgesetz vorschreibt, wesentlich teurer als die in Mitteleuropa
übliche. Jedoch: Jugendliche, die aus der Pflichtschule ins Arbeitsleben
hinaustreten, ohne auf dem geforderten Niveau lesen und rechnen zu können,
finden bestenfalls als „Ungelernte“ eine Stelle. Das bedeutet in vielen Ländern
von vornherein gar keine oder bloße „Jobs“, die nicht auf Dauer sind. Die Gefahr
aus der „Risikogruppe“ in die Kriminalität abzurutschen, ist gegenüber
Jugendlichen mit ordentlichem Schulabschluss deutlich erhöht. Entsprechend hoch
sind die Kosten, die die Gesellschaft später für sie aufbringen muss, sei es an
Unterstützung verschiedenster Art, sei es über die Justizorgane.
Finnland betrachtet die
Kosten des Schulsystems u.a. unter dem Aspekt der Prävention, und das hat sich
als realistisch erwiesen. Im Vordergrund steh aber etwas anderes: Der Blick auf
den Menschen. Auf jeden Einzelnen. Jedes Schulkind ist ein Bürger des Landes
und hat Anspruch auf Teilhabe an dem, was die Gesellschaft an Gutem und Schönem
zu bieten hat, insbesondere an kulturellem Leben. Niemand soll ausgeschlossen
sein. „Wir sind nur fünf Millionen“, pflegt Jukka Sarjala zu sagen, der Leiter des Zentralamtes für Unterrichtswesen.
„ Wir können uns nicht leisten, Menschen zu verschwenden. Wir wollen, dass
jeder lernt, so viel er irgend kann. Wir brauchen jeden. Und jeder gehört dazu.“
___________________
Thelma von Freymann, in Finnland geboren,
Schulzeit in Finnland, Schweden, Deutschland und der Schweiz, 1975-1995 am
Institut für Angewandte Erziehungswissenschaft und allgemeine Didaktik an der
Universität Hildesheim, Studiengang Lehramt an Grund- und Hauptschulen, als
akademische Oberrätin pensioniert.
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